Walter Ehlen

Verlegeort
Oderstraße 52
Bezirk/Ortsteil
Neukölln
Verlegedatum
10. April 2024
Geboren
03. Dezember 1906 in Berlin
Beruf
Schneider
Verhaftet
14. August 1936 bis 24. August 1936 in Haftanstalt Berlin-Tegel
Verlegt
24. August 1936 bis Mai 1937 nach Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit
Verlegt
Mai 1937 bis 12. Mai 1937 nach Strafgefängnis Plötzensee
Verlegt
12. Mai 1937 bis 12. November 1941 nach Strafgefängnis Brandenburg/Havel-Goerden
Verlegt
01. Februar 1944 bis 24. September 1944 nach KZ Mauthausen
Verlegt
24. September 1944 bis 23. April 1945 nach KZ Mauthausen, Außenlager Saurerwerke Wien XI
Verlegt
23. April 1945 nach Gusen, Außenlager des KZ Mauthausen
Ermordet
02. Mai 1945 in Gusen, Außenlager des KZ Mauthausen

Rudolf Walter Richard Julius Ehlen wurde am 3. Dezember 1906 in Berlin als erstes Kind von Wilhelm Aloys Ehlen und seiner Frau Elise, geb. Benkert, geboren. Die Familie lebte mit Sohn Walter im 4. OG in der Oderstr. 52 in Neukölln. Wilhelm Paul Johannes Ehlen, der 1909 geborene, zweite Sohn der Familie starb mit nur 5 Jahren. Als jüngstes Kind wurde 1910 Tochter Emmy Elisa Ehlen in Berlin-Schöneberg geboren.

Walter Ehlen besuchte die Gemeindeschule in Neukölln und absolvierte anschließend eine Schneiderlehre, die er im Oktober 1924 mit der Gesellenprüfung abschloss. Bis 1927 arbeitete er als Maßschneider, dann bis 1932 als Einrichter in der Konfektion. Für den Zeitraum April bis Juni 1932 gab er „Wanderschaft durch Deutschland“ an, in Wirklichkeit aber ließ er sich in dieser Zeit an der militärpolitischen Akademie Bakovka bei Moskau für die Arbeit im Abwehr-Apparat der KPD ausbilden. Von Juli 1932 bis 1934 war er ausschließlich politisch tätig, bevor er Arbeit in einer Uniformfabrik erhielt.

Bereits als 15-Jähriger trat Walter Ehlen einer Arbeitersportorganisation bei. 1923 wurde er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) Neukölln, wo er bald Gruppenleiter und Jugendvertreter der Parteijugendgruppe wurde. Im April 1925 trat Walter Ehlen in die SPD ein, die ihn 1927 ausschloss.

Nach seinem Beitritt im selben Jahr in den Kommunistischen Jugendverband (KJVD) wurde er Gruppenleiter, Agit-Prop-Leiter und kam vermutlich mit dem militärpolitischen Apparat der KPD in Kontakt, die den jungen, redegewandten Genossen zur Ausbildung in Moskau empfahl. Nach seinem Eintritt 1929 in die KPD nahm er die Funktionen Zellenkassier und dann Org.leiter einer Zelle wahr und beteiligte sich aktiv an politischen Kämpfen.

Am 29. Oktober 1929 wurde Walter Ehlen beim Verteilen von Flugblättern mit der Aufschrift „Schluss mit dem Terror der Nazis! Schlagt die Nazis, wo ihr sie trefft!“ erwischt und zu einer Geldstrafe in Höhe von 60 Reichsmark verurteilt.

Am 15. Januar 1930 leistete Walter Ehlen der polizeilichen Auflösung einer KPD-Demonstration in Berlin-Neukölln nicht Folge. Gestapobeamte sagten aus, er habe „Schlagt die Bluthunde“ gerufen und einem Polizeileutnant einen Stoß vor die Brust versetzt, bevor der die Flucht ergriff. Das Schöffengericht Neukölln verurteilte Walter Ehlen zu 3 Monaten und einer Woche Gefängnis und 50 Reichsmark Geldstrafe.

Als Leiter eines Berliner Bezirksstabs „Weiß“ mit dem Decknamen „Alfred“ übernahm Walter Ehlen die Doppelaufgabe, Materialien zu sammeln, zu sichten und weiterzugeben und zugleich die Zersetzung der NSDAP voranzutreiben.

Walter Ehlen wurde am 3. Mai 1933 festgenommen. Die Polizei fand bei ihm einen Chiffrierschlüssel und Aufzeichnungen über „Treffs“. In der Hoffnung, weitere seiner Genossen verhaften zu können, ließen sie ihn noch vor dem Prozesstermin nach einer Woche frei. Walter Ehlen berichtete höheren Parteistellen von seinem Verfahren.

Am 13. November 1933 heiratete Walter Ehlen auf dem Standesamt Berlin-Neukölln Hilde Irma Paechter, mit der er im Haus seiner Eltern in der Oderstr. 52 wohnte. Trauzeugen waren Walters Vater und Hildes Mutter.

Walter und Hildes Sohn Tom wurde am 3. Juni 1934 geboren. Die drohende Verhaftung des jungen Vaters machte seine Emigration unausweichlich. Knapp vier Wochen nach der Geburt seines Sohnes emigrierte Walter Ehlen via Dresden nach Ebersbach-Bodenbach in die Tschechoslowakische Republik (ČSR). In Prag bereitete ihn die Exilparteileitung der KPD auf seinen illegalen Einsatz in Berlin vor.

Am 4. Juni 1936 reiste Walter Ehlen auf Weisung des ZK der KPD erneut aus Prag zur illegalen Arbeit nach Berlin. Das vereinbarte Treffen ging schief, er musste noch zwei Mal zurück nach Prag, bevor er in die illegale Arbeit der KPD in Berlin „eingebaut“ wurde. Als Aufgabe stellte man ihm, den Einfluss „rechter Versöhnler“ im betrieblichen Widerstand, u.a. bei Osram zurückzudrängen und zusammen mit Wilhelm Thiele alias „Hans“ und Frieda Rosenthal alias „Käthe“ den Führungsanspruch der KPD durchzusetzen. Bei Spaziergängen im Grunewald wurden politische und taktische Fragen diskutiert.

Bei seiner Verhaftung am 14. August 1936 in Berlin fand man bei Walter Ehlen einen Reisepass auf den Namen „Paul Heger“ und Berichte aus der Betriebsarbeit verschiedenster deutscher Betriebe, unter anderem der DKW, der Berlinischen Bau-Union und  einem Flugplatzbau in Thüringen. Außerdem gab es unter anderem Informationen über die Schließung einer katholischen Schule in Friedenau und über den früheren Oberpräsidenten Kube, sowie über die Reaktionen aus Berlin auf die Kämpfe in Spanien.

Walter Ehlen blieb trotz grausamster Verhöre, bei dem die Gestapobeamten glühende Zigaretten auf seinem Körper ausdrückten, standhaft. Er erklärte, dass er sich als Instrukteur für besondere Ausgaben sah, sich über die Strafbarkeit seiner Tätigkeit im Klaren war und nach wie vor „Anhänger der kommunistischen Weltanschauung“ sei.

Als Häftling Nr. 3200 kam er am 24. August 1936 ins Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit. Die Anklageschrift vom 24. März 1937 warf ihm neben der Vorbereitung zum Hochverrat auch den Versuch vor, die „illegale Organisation der KPD in Berlin neu aufzubauen.“ Walter Ehlen wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, die er zunächst in der Strafanstalt Brandenburg/Havel-Goerden absaß.

In zahlreichen Briefen an seine Frau besprach er mit ihr Erziehungsfragen und tauschte auch codierte Botschaften aus. Wann immer möglich besuchte sie ihn und schmuggelte dabei in Kassibern geheime Nachrichten an ihn, die Flucht sollte vorbereitet werden. Hilde wurde erwischt, verhört und angezeigt. Ihr blieb nur die Flucht ins Ausland. Selbst als sie den gemeinsamen Sohn Tom zum Abschied am Gitter hochhielt, wurde Walter nicht erlaubt, sich liebevoll von seinem Kind zu verabschieden. Ob er erfahren hat, dass seine Lieben in England angekommen waren, ist unklar.

Am 1. Februar 1944 wurden 12 Zuchthausgefangene ins Konzentrationslager Mauthausen transportiert, unter ihnen auch Walter Ehlen. Die Karteikarten der politischen Häftlinge, die nach Mauthausen, ein Lager der sogenannten Stufe III kamen, waren mit dem Vermerk R.u. - „Rückkehr unerwünscht“ versehen.

Nach der Quarantäne im Revier kam der gelernte Schneider Walter Ehlen am 19. April 1944 zunächst in die Häftlingsschneiderei und dann in das „Arbeitslager Saurerwerke“ der Waffen-SS im 11. Wiener Bezirk, wo er ab 25. April 1944 die Funktion des Lagerschreibers wahrnahm. Sein Freund Karl Pfizenmaier schrieb: „… Auch in den Saurerwerken formierte sich eine illegale Häftlingsorganisation, bestehend aus Vertretern aller im Lager vertretenen Nationen und Richtungen, die von Walter Ehlen, Funktionär des deutschen Kommunistischen Jugendverbandes, aufgebaut und geleitet wurde.“ 

Am 01. April 1945 erfolgten die Vorbereitungen zur Evakuierung des Lagers, einen Tag später mussten 1 276 Häftlinge in drei Kolonnen den Todesmarsch von Simmering über Purkersdorf, St. Pölten, Mank, Scheibbs, Gresten, Randegg und Seitenstetten nach Steyr antreten. 190 „marschunfähige“ Häftlinge wurden im Lager Saurer-Werke zurückgelassen. Sie wurden am 8. April 1945 von sowjetischen Truppen befreit. Vor dem Abmarsch aus dem Lager Saurer-Werke wurde den SS-Männern eingeschärft, dass jeder Häftling, der einen Fluchtversuch unternähme oder auf dem Marsch aus Schwäche zurückbliebe, zu erschießen sei und die Leichen verscharrt werden müssten.

Am 23. April 1945 kamen schließlich 1.076 Häftlinge im Mauthausener Außenlager Steyr-Münichholz an. Am 30. April 1945 wurden 497 der Häftlinge, darunter die Freunde Walter Ehlen als Nr. 113 „DRSch 53315“ und Karl Pfizenmaier als Nr. 905 „DRSch 117153“, ins Stammlager zurück überstellt. 

Am 2. Mai 1945, drei Tage vor der Befreiung, erschlugen junge Häftlinge, die einen grünen Winkel tragen mussten und damit als Kriminelle gekennzeichnet waren, den 38-jährigen Widerstandskämpfer, Lagerschreiber, Ehemann und Vater Walter Ehlen, der sich immer für das Überleben aller Häftlinge eingesetzt hatte, im Zuge der anarchischen Wirren der Lagerauflösung in Gusen. Er hinterließ seine 35-jährige Frau Hilde und seinen 11-jährigen Sohn Tom.